Vor dem ersten Wurf braucht es Respekt

Autor: Anonymous User
Letzte Änderung: 27.12.2004

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Die Fünf- bis Siebenjährigen genießen ihre Trainingsstunden jeden Freitag im SUA-Dojo am Kälberweg. Christopher, Alexander, Henri Luis und Isabella (von links) sind vier der rund 20 bis 25 Judo-Kinder.

Randori heißt spielerische Wettkampf-Übung. Das wissen schon die Kleinsten in den weißen Judogi. Tobend fegen die Fünf- bis Siebenjährigen durch die Halle. Es ist ihre letzte Stunde 2004.

Traurig ist darüber niemand. Denn 2005 geht es weiter, dann erwartet einige die erste Gürtelprüfung. Auf den Fortschritt wird der Nachwuchs bei der Sport-Union Annen vorbereitet. Jeden Freitag außerhalb der Schulferien ziehen die Sportler ihre Kinderkleidung aus, lassen die Alltagssorgen vor der SUA-Halle am Kälberweg, dem Dojo, und streifen ihre Judoanzüge, die Judogi, über. Etwa 20 bis 25 Teilnehmer zählen die drei Trainer Dennis Korte, Stefan Oldenburg und Tanja Schneider dann in dem Kurs der Minis.

Am letzten Kurs im Jahr können auch die Eltern mal mitmachen, andere bleiben auf der Bank sitzen. Jörg Schauer guckt von dort Sohn Manuel beim Training zu. "Hier geht er voll auf", sagt der Vater über den Sohn - und Zufriedenheit schwingt mit. Denn als "sensibel, zurückhaltend" beschreibt Schauer das Wesen des eigenen Nachwuchses. Sport schien den Eltern genau das richtige Mittel dagegen. Der heute Siebenjährige hatte die Wahl. "Mit Schwimmen oder Ballspielen hatte Manuel nichts am Hut", so kam er im März zum Judo, und "das hat ihm sofort Riesenspaß gemacht", berichtet der Vater, der seitdem einen selbstbewussteren Jungen erlebt.

"Kommt, schneller laufen", fordert indessen Trainer Dennis Korte. Der Bundesliga-Judoka weiß, was hartes Training heißt. Ebenso, wie sanft beim Nachwuchs anzufangen ist. "Das ganze Umfeld, die Disziplin, die den Kindern hier beim Sport gelehrt wird, und wie die Trainer auf die Kleinen eingehen, das habe ich so noch nie erlebt", sagt Vater Schauer.

Wie sie die ungestüme Horde Kinder im Griff haben, scheint die drei Trainer selbst zu wundern. "Wir achten darauf, dass alle Übungen fair ablaufen", verrät Stefan Oldenburg als Rezept. "Wir selbst sind schon Vorbild. Uns wird von der Schule, vom Elternhaus und vom letzten Urlaub erzählt", berichtet Dennis Korte. Tanja Schneider kümmert sich um einen Hingefallenen. Das Vertrauen der Kinder in die Trainer scheint riesig.

Alle drei Trainer wissen auch beizubringen, der Spaß kommt dabei absichtlich nicht zu kurz. O-soto-gari etwa, die Große Außensichel, ist für die Kleinen nur der Autobahnwurf. "Wenn man sagt, erst blinken (linken Fuß vorsetzen), dann überholen (zum Wurf ansetzen), dann ist das für sie viel einfacher zu verstehen", sagt Stefan Oldenburg.

Dann sind Wettkampf-Übungen (Randori) angesetzt, der Nachwuchs steht sich paarweise gegenüber. Ohne Aufwärmtraining, koordinative Übungen und ohne Wissen über gutes Fallen geht das aber nicht. "Ohne Fallschule kann man nicht geworfen werden", sind sich alle Trainer einig.

Der 16-jährige Stefan Oldenburg hat auch davon profitiert. Er selbst begann als Sechsjähriger in der SUA-Minigruppe, heute trainiert er sie, nimmt während des Gesprächs den Blick nicht von den Übenden. Etwa, als Manuel und Maximilian den Haltegriff und das Herauslösen des Gegners daraus proben. An anderer Stelle trainieren auch Mädchen die Bewegungen beim Wurf.

"Für die Körperbeherrschung ist das eine gute Sache, es ist ein schöner Sport", findet Dr. Karin Ewald-Kleimeier beim Beobachten ihrer Söhne Henri Luis (4) und Paul Leonhard (8). Zuhause auf einem Futon ist reichlich Platz zum Üben, "und ab und zu gibt es Vorführungen für meinen Mann und mich", sagt Ewald-Kleimeier. Was die beiden Söhne nebenbei noch lernen, weiß sie ebenso: "Respekt vor anderen und Regeln einzuhalten, also das, was in der Schule zu kurz kommt."

Auch die noch äußerst skeptische Tochter Ellen Abigail soll Judo lernen, "wenn sie es will", wie Ewald-Kleimeier sagt. "Dann sind drei Kinder dabei. Eins kriegen wir dann doch sicher in die Bundesliga", sagt Karin Ewald-Kleimeier und meint es sehr humorvoll. Während sie lacht, sitzen die Kinder alle ohne Murren in der Reihe vor dem Trainergespann. Abgrüßen mit Verbeugung heißt der Abschluss. Respekt soll das bezeugen, "Respekt!", denken die Eltern.